Taufengel in der Kirche von Wehrstedt/Niedersachsen

 

 

"Seht zu, dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet.

Denn ich sage euch:

Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel."

(Matthäus 18. 10f.)

 

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Mönche und Nonnen führen ein Engelleben („vita angelica“) auf Erden. So sah es der Klostergründer Benedikt von Nursia. Mit seiner Namenswahl stellte sich Benedikt XVI. in diese Tradition. Jeder Mensch hat einen Schutzengel. Was wissen wir über den Schutzengel des Papstes aus Bayern? Das ist gewiss eine Kinderfrage, aber sie ist alles andere als kindisch. Der Papst hat eine Biographie. Aus ihr lassen sich Geschichten erzählen. Manche sind irdisch, andere haben den Flügelschlag des Himmels. Wer den Engel sucht, wird ihn in den Führungen und Fügungen des Lebens finden.


Soziologisch betrachtet, fand in der Krisenzeit der Jahrtausendwende eine kurzzeitige Wiederkehr der Engel statt. Sie erhielt durch Schutzengelbekenntnisse in Talk-Shows und Engelbücher von schreibenden Mönchen ein beträchtliches mediales Aufsehen. Die Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann meinte einen gegenläufigen Trend nachweisen zu können: Mehr Menschen in Deutschland glaubten an die Wirklichkeit der Engel als an die göttliche Natur Jesu. In dieser Wendezeit berührte Peter Seewald in seinem zweiten Gesprächsband „Gott und die Welt“ (2000) die Engelfrage.


Damals sagte Benedikt XVI., es gebe eine Art platonisches „Urwissen des Menschen, dass wir nicht die einzigen geistigen Geschöpfe sind. Gott hat die Welt auch angefüllt mit anderen Geistwesen, die uns nahe sind, weil seine ganze Welt letztlich doch eine einzige ist. Sie sind Ausdruck seiner Fülle, seiner Größe und seiner Güte. In diesem Sinne gehören die Engel tatsächlich zum christlichen Weltbild, zu der Weite der Schöpfung Gottes, die sich auch in anderen, in nicht-materialisierten Geistesgeschöpfen darstellt. Sie sind damit auch eine unmittelbare lebendige Umgebung Gottes, in die wir hineingezogen werden sollen.“


Zwischen Seewald und seinem Gesprächspartner herrschte eine gute Schwingung. Sie erlaubte dem Journalisten manche Spitze: „Kaum zu glauben, dass jeder Mensch wirklich einen eigenen Schutzengel hat, mit dem er sogar zusammenarbeiten kann.“ Der Schutzengelglaube, so der Papst, sei eine Erfahrungstatsache, „dass mir Gott irgendwie einen Begleiter an die Seite stellt, der mir in einer besonderen Weise zugewiesen ist und dem ich zugewiesen bin.“ Ob ein Mensch direkt mit Gott oder indirekt durch seinen Schutzengel kommuniziert sei keine Glaubensfrage, sondern eine Frage des Temperaments oder der Mentalität. Dann stellt Peter Seewald die Gretchenfrage der Engelforschung (Angelologie): „Kennen Sie ihren Schutzengel persönlich?“ Im Gegensatz zu seinem Freund und Lehrer Hans Urs von Balthasar pflegte der Papst keinen personalen Umgang mit den Heiligen, seinen eigenen Schutzpatron ausgenommen. Seine Antwort überrascht nicht: „Nein. Ich selber fühle mich so direkt auf Gott bezogen, dass ich zwar dankbar bin, zu glauben, dass es den Schutzengel gibt, aber mich direkt mit Gott selber austausche.“

 

 

Die große Herrlichkeit

 

Engel erfährt der Papst in der Liturgie. Hier stimmt die Gemeinde mit Gloria und Sanctus in den ewigen Lobgesang der Engel ein. Liturgie ist für Benedikt XVI. eine antizipierte Parusie, eine reale Gegenwart des auferstandenen Herrn. Er ist umgeben von einer unübersehbar großen Schar der Engel. „Liturgie, das heißt Einstimmen in der Chor der Engel und Heiligen“, betont er in seiner Rede zur Verabschiedung seines Bruders vom Amt des Domkapellmeisters (1994). In dieser kosmischen Liturgie ist der Chorgesang der Engel vorausgesetzt. „Irdische Liturgie ist dadurch und nur dadurch Liturgie, dass sie sich hineinbegibt in das schon Bestehende, in das Größere.“ Wenn dieser kosmische Bezug der Liturgie fehle, dann komme es zu einer soziologischen Reduktion, dann gehe es um menschliche Akteure, dann verkümmere Liturgie „zu einem Rollenspiel, zu einer letztlich belanglosen Suche nach gemeindlicher Selbstbestätigung, in der im Grunde nichts geschieht.“ Der Verlust der kosmischen Dimension und damit des Mysteriencharakters der Liturgie habe die „Deformation der Liturgie“ zur Folge. „Wer den Mysteriencharakter und den kosmischen Charakter der Aufforderung zum Einstimmen in den Lobpreis der himmlischen Chöre nicht beachtet, hat den Sinn des Ganzen bereits verfehlt.“


Engel sind also ein hymnologisches Vorbild. In dieser Eigenschaft würdigt sie der Papst in den Kindheitsgeschichten seines Jesus-Buches (2012). Das Leben Jesu ist von der Geburt bis zu seiner Wiederkehr von Engeln begleitet. So sind die Kindheitsgeschichten mit dem Kommen Gabriels und der himmlischen Heerscharen auch ein Engelbuch. Im Register des von Burkhard Menke betreuten Bandes fehlt allerdings der Hinweis auf die Engel. Ein Versehen, wie mir der Lektor des Papstes gestand. Aber gewiss kein Zufälliges.


Das Sprechen der Engel sei immer ein Singen, sagt der Papst, ein Lobpreis der Herrlichkeit. So sehen es auch Erik Peterson („Das Buch von den Engeln“) und Hans Urs von Balthasar in seiner theologischen Ästhetik „Herrlichkeit“ und in seiner „Theodramatik“. „Gott ist herrlich, die unzerstörbare Wahrheit, die ewige Schönheit. Das ist die grundlegende, tröstende Sicherheit unseres Glaubens“, so der Papst im Chor dieser Stimmen.


In einer Ansprache zur Weihe von sechs Bischöfen am Michaelistag 2007 erläuterte Benedikt XVI. die Aufgaben und Vorbildfunktion der drei Engel Raphael, Gabriel und Michael. Vor den ebenfalls anwesenden lateinischen Bischöfen der Ukraine, die gerade zu einem Ad-limina-Besuch in Rom eingetroffen waren, sagte er in guter Tradition von Romano Guardinis Angelologie: „Engel sprechen zum Menschen von dem, was sein wahres Sein ausmacht, von dem, was in seinem Leben oft zugedeckt und begraben ist. Sie rufen ihn auf, wieder zu sich zu kommen, indem sie ihn von Gott her berühren.“ Mit dieser Aufgabe sind sie ein Vorbild für den Dienst des Bischofs.


Wie aber steht es um den Schutzengel des Papstes? Braucht der Schutzengel eines Papstes und Professors besondere Qualifikationen? Geht ihm manchmal die Puste aus? Bekommt er nach Vollendung seines Einsatzes später im Himmel eine Anerkennung? Leider gibt es keine Kindergespräche dieser Art mit dem Papa Emeritus, der in seinen letzten Gesprächen von Gott gerne in vertrauter Kinderweise als dem „lieben Gott“ sprach und der so herzlich lachen konnte. Als Kind, erinnert er sich in den heiteren „Letzten Gesprächen“ (2016), war er „ein ausgesprochen lustiger Bub“. Dieses Kind hat der Schutzengel von Joseph Ratzinger bewahrt.


Der Papst mochte Kinder und Katzen. Zwei Kätzchen waren im Sommer 2009 mit ihm in das Chalet im Aosta-Tal mit Blick auf den Mont Blanc eingezogen. Hier wollte Benedikt XVI. am zweiten Band seines Jesus-Buches arbeiten. Dann folgte in der Nacht ein Sturz im Bad. Er hatte den Bruch des rechten Handgelenks zur Folge. Die Schmerzen waren groß, der Heilige Vater aber war tapfer. Er feierte am nächsten Morgen wie gewohnt die Frühmesse, nahm das Frühstück ein und ließ sich anschließend von Georg Gänswein nach Aosta in das Krankenhaus Umberto Parini fahren. Hier wurde die Hand unter lokaler Betäubung operiert. Nur war es dem Papst nicht mehr möglich, mit dem Bleistift zu schreiben. Diese Gewohnheit aus der Kindheit hatte er nie abgelegt. Dennoch war er bei bester Laune und erklärte vor der Presse humorvoll, ja, beinahe übermütig wie ein „lustiger Bub“: „Mein eigener Schutzengel hat meine Verletzung leider nicht verhindert.“


Die Biographie des Schutzengels ist das Leben seines Menschen. Warum hat der Schutzengel den Sturz nicht verhindert? Gewiss nicht, weil er eingeschlafen sei, wie die Berliner TAZ lästerte. Vielmehr habe er auf höheren Befehl nicht eingegriffen, bekennt der Gestürzte, damit sein Schützling im Urlaub mehr Zeit für Gebet und Meditation habe. Engel werden in den Grenzsituationen des Lebens erfahrbar. Wenn Engel mit der Stimme des Gewissens sprechen und den Menschen an seine ihm anvertrauten Talente erinnern, ihn also zu seinem Wesenskern zurückführen und ihn ermahnen, im Wesentlichen zu bleiben, dann gehört es offenbar zum „Profil“ von Benedikts XVI. Schutzengel, dass er der Bewegtheit dieses Lebens an Schlüsselstellen der Biographie Einhalt gebietet wie der Engel, der Bileams Eselin in den Weg tritt. Der Amtsverzicht vom Februar 2013 war eine Rückkehr zu jener Berufung, deren Bewahrung dem Schutzengel anvertraut ist, und in gewisser Weise auch zur Kindheit. Er gehört zur Lebenslinie des Joseph Ratzinger, der schon einmal Mut hatte, sich unbeliebt zu machen, als er vom Amt eines Tübinger Professors für Katholische Theologie zurücktrat, weil er sich im Kampf gegen den Zeitgeist der Sechziger Jahre nicht sinnlos aufreiben und seine Talente verraten wollte. Der junge Professor hatte Hermann Hesses Roman „Das Glasperlenspiel“ mit innerer Bewegung gelesen. Von seinem Namensvetter, dem Magister Ludi Josef Knecht, lernte er die Kunst des Aufbrechens - bis ins hohe Alter und zu seinem letzten Flug.


Mit brüchiger Stimme und Tränen in den Augen erinnert sich der Papa Emeritus des letzten Tages im Amt. Ein Helikopter hebt ihn in die Lüfte. Über dem Haus „Pastor Bonus“ sieht er eine große Aufschrift: „Vergelt’s Gott“. Diese Bitte möge auch für den Schutzengel des Papstes gelten!

 

Der Papst war ein kluger Kopf. Doch blieb er bei aller Gelehrsamkeit im Herzen Kind. Sein Schutzengel war der Hüter dieses Glaubens.