Gedichte wie Gebete:  Warlaam Schalamow

 

 

In den Grenzsituationen von Gethsemane und Golgatha werden keine Romane geschrieben. Der Atem reicht gerade aus für ein Wort des Trostes oder einen letzten Aufschrei: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Warlam Schalamow (1907-1982) hat in den ostsibirischen Vernichtungslagern der Kolyma das Wunder des Wortes erfahren, wie es seit Puschkin immer wieder bezeugt wurde: „Begeistern werd’ ich mich am reinen Klang,/ Werd’ weinen über’m Wort, das mir gelang.“

Siebzehn Jahre verbrachte der Sohn eines Priesters am Kältepol der Erde. In seinen „Erzählungen aus Kolyma“ schrieb er nach der Lagerhaft einen Martyrolog, der keine Aussicht auf Veröffentlichung in der Sowjetunion hatte. Schalamow bezeugt den Kreuzweg der russischen Seele. Eine der grausamen Torturen war die Aussetzung von bis auf die Wäsche entkleideten Menschen im Eiskarzer. In der Umarmung versuchten sie sich zu wärmen. Manchmal vernahm Schalamow einzelne Verse aus der Kältekammer. Sein Zeugnis kann nur mit angehaltenem Atem gelesen werden wie der Gesang der drei Jünglinge im Feuerofen. 

Als lebender Leichnam („Dochodjaga“) werden die Erniedrigten im Lagerjargon bezeichnet. In der „Zone“ soll eine Umschmiedung („Perekowka“) des Menschen stattfinden. Zynisch heißt es auf Plakaten: „Die Arbeit ist eine Sache der Ehre, eine Sache des Ruhmes, der Tapferkeit und des Heldenmutes.“ Nur religiöse Menschen, unter ihnen die Popen, hätten sich in dieser Situation als aufrecht erwiesen. Gebete und Verse waren in den Lagern verboten, weil sie Überlebenshilfe sein konnten. Von dieser das Leid transzendierenden Kraft der Dichtung spricht auch der berühmte Mediävist Friedrich Ohly, der als deutscher Kriegsgefangener willkürlich zu fünfundzwanzig Jahren Arbeit im Steinbruch verurteilt wurde. Wie Schalamow kam er nach dem Tod Stalins frei. In seinen Erinnerungen „Glück eines Gefangenen mit Puschkin und Steinen“ legt er Beispiele seiner im Lager verbotenen Übertragung von Puschkins Gedichten vor. Swetlana Geier las sie mit großer Zustimmung.

Warlam Schalamows „Erzählungen aus Kolyma“ wurden von Gabriele Leupold aus dem Russischen übersetzt. Franziska Thun-Hohenstein, die deutsche Herausgeberin der nachgelassenen Werke, hat neben einer Briefedition nun auch Schalamows Biografie vorgelegt. Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft ist deutschen Lesern nun ein Zugang zu diesem wichtigsten Zeugen der „Schande der Kolyma und der Öfen von Auschwitz“ (Schalamow) zugänglich. Warlam Schalamow steht am Ende einer Reihe von literarischen Versuchen, auf die Erfahrung des Terrors zu reagieren. Er grenzte sich von Boris Pasternak („Doktor Shiwago“), Aleksandr Solshenizyn („Archipel Gulag“) und Jewgenija S. Ginsburg („Die Gratwanderung“) entschieden ab: „Solshenizyn kennt und versteht das Lager nicht.“ Schalamow war wie Nadeshda Mandelstam entschieden im Urteil und kompromisslos, wenn es um die Bezeugung des Grauens ging, so wie er es erlebt hatte. Die Wahrheit der Lager war für ihn das Scheitern aller humanistischen Utopien. Deshalb glaubte er auch nicht wie Erich Maria Remarque an eine Läuterung der Leser durch die Konfrontation mit der Schreckenswelt: „Jede Hölle kann zurückkommen.“ Leser seien keine besseren Menschen, wie die vielen Bücherliebhaber, Antiquare und Freunde guter Gedichte unter den KGB-Mitarbeitern bewiesen. Schalamow will seine Leser nicht erziehen. Er will das Wunder einer überweltlichen Erfahrung von Dichtung bezeugen, das nicht lehrbar und lernbar ist, sondern sich als Gnade ereignet oder versagt wird. In der Lagerwelt erfährt Schalamov wie ihn das Wort ergreift und er nach sehr langem Verstummen Gedichte schreiben kann: „Die Rückkehr dieser Fertigkeiten erschien mir als - und das war sie - ein Wunder.“ Wie Jesus im Garten Gethsemane, so hat auch Schalamov in der Kolyma den Engel des Trostes erfahren. Alles mit dem Lager Verbundene habe „ein Engels-, ein himmlisches Leben verdient.“ Nach seiner  Entlassung besucht Schalamov den Kreml mit seinen drei Kathedralen: die Erzengel Michael-, die Mariä-Entschlafens- und die Mariä Verkündigungs-Kathedrale. Schalamov, der sich als „der Gekreuzigte und Umgebrachte“ erfahren musste, bezeugt in diesen Heiligtümern mit ihren Rubljov-Ikonen seine Auferstehung:  

„Mir schien, dass nicht der Pinsel des Malers das Bild Gottes an den Wänden hält, sondern jenes Große und Teuerste, dem die Religion diente und dient. Diese ihre strenge Kraft, die Gebete von Hunderten Generationen, die vor diesen Altären standen, eine Kraft, die Materialität und Gewicht gewonnen hat - bewahrt diese Kathedralen selbst ohne uns. Dass die Hunderte Generationen von Betenden jeder so viel von seinem Herzen hier hineingelegt hat, dass diese Kraft auf ewig ausreicht.“

Wie der Auferstandene trägt auch der Überlebende des sibirischen Golgatha die Wundmale der Passion. „Gedichte - sie sind Stigmata“, bekennt er. Sein eigenes Leid spiegelt er in Raffaels „Sixtinische Madonna“, die ihm unerwartet zur Madonna der Kolyma wird. Das weltberühmte Gemälde aus den Dresdener Sammlungen gehörte zu jener Raubkunst, die im Jahr 1956 im Moskauer Puschkin-Museum ausgestellt wurde. Schalamow kannte das Bild, schätzte Raffael aber nicht besonders, sah in ihm einen Auftragsmaler und „Hof-Gottespinsler“. Deshalb zögerte er mit dem Besuch. Schließlich reihte er sich um vier Uhr morgens mit der Besuchernummer 1287 in die Warteschlange und erlebt vor der Muttergottes mit dem Jesuskind eine unerwartete Erschütterung, ja eine Offenbarung. In ihrem Antlitz erkennt er sein eigenes Schicksal wieder und weiß es im Geheimnis aufgehoben. Maria hat die Todesfurcht überwunden:

„Das ist keine Befangenheit, das ist die Überwindung der Ängste, eine gefällte Entscheidung, trotz der Einsicht in die Leiden des Sohnes, die gewöhnlichen Leiden des menschlichen Lebens, die als dunkle Angst auch in den Augen des erwachsen schauenden Kindes funkeln. Das Kind ist sich noch nicht im Klaren über seine Zukunft, doch die Mutter ist sich darüber im Klaren, und dennoch ist ihr Schwanken überwunden.“

Nach Jahrzehnten der rigorosen Verfolgung der Christen, in denen der Glaube nur unter hohem Risiko im Untergrund praktiziert werden konnte, ist eine Jugend ohne jede religiöse Bildung herangewachsen. Ihr ist aufgrund fehlender Bibelkenntnisse der Zugang zu Ikonen dieser Art erschwert. Der Bildungs- und Bildverlust betreffe auch die klassische russische Literatur, beklagt Schalamow. Es fehlen gleichsam die Worte, die in den Schinderhütten der Zukunft Trost spenden könnten. 

Wer einmal im Lager leben musste, kehrt auch nach seiner Freilassung nicht mehr ins alte Leben zurück. Schalamows Nervensystem war zerrüttet. Seine Familie brach auseinander. Umso stärker war seine Beziehung zu der Katze Mucha. Moskauer Tierfänger stehlen sie. „Der massenhafte Mord an  Katzen und Menschen - ist einer der kennzeichnenden Züge des Sozialismus“, berichtet Schalamow in einem Brief an Nadeshda Mandelstam. „Die Tiere gehören zweifellos in die menschliche Welt, sie läutern sie und verstehen sehr viel mehr, als Pawlow und Durow dachten.“ Endlich findet Schalamow seine  Katze mit vielen anderen Tieren in einer Tötungsstation, und wieder erkennt er das Gesicht der Kolyma: „Die Augen aller Katzen, und ich kenne Katzenaugen sehr gut, waren gleichgültig, abwesend. Kein Mensch konnte sie mehr retten vor dem Tod und vor den Menschen. Die Katzen erwarteten schon nichts mehr als den Tod.“ Mucha wird erschossen.

Warlam Schalamow verbrachte seine letzten Tage zusammengekauert auf einer Matratze liegend, fast blind und taub. Aber er war nicht allein. Das Wort trug ihn hinüber. Irina Sirotinskaja (1932-2011) berichtet von einem Murmeln von Gedichten - an keinen Menschen mehr gerichtet. Schalamow hatte das Leid in eine schwarze Perle verwandelt. Nach seinem Tod lässt die Geliebte und designierte Herausgeberin seiner Werke in der Kirche des Heiligen Nikolaus von Myra die orthodoxe Totenmesse für den Zeugen der Kolyma lesen. „Dank Dir für diese sechs Jahre, die besten meines Lebens“, hatte ihr Schalamow in einem seiner letzten Briefe geschrieben.

 

 

Franziska Thun-Hohenstein. Das Leben schreiben. Warlam Schalamow. Biographie und Poetik. Matthes & Seitz Verlag. Berlin 2022. 536 Seiten. 38 Euro.

 


Hinweis auf Videos über die Kolyma:

https://www.nzz.ch/feuilleton/juri-dud-ein-hipster-klaert-russland-ueber-den-gulag-auf-ld.1484868

https://documentary.net/video/kolyma-birthplace-of-our-fear/