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Tango
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"Nein, vielen Dank, ich tanze nicht!"

Søren Aaby Kierkegaard

 

 

 

Erste Schuhe - erste Schritte (1956/2009)

 

 

 

 

Erste Tänze vor dem Hl. +Nikolaus,

Knecht Ruprecht (Mann mit schwarzer Maske)

und Tante Anneliese

im Kindergarten St. Ida,

Münster-Gremmendorf (1959)

 

 

 

 

In den Ruinen des buddhistischen Klosters Takht-i-Bahi,

genannt "Thron der Quelle", Pakistan (1995)

 

 

 

 

Vesterhavet, Vedersø Klit (2012)

 

 

 

 

 

Schloss Basthorst (2018)

Photo: Viktoria Fedirko

http://www.viktoriafedirko.com/

 

 

Tango im Kloster Meißen (2019)

Photos: Ralf Brand/Tango Fuego

https://tangofuego.de/

 

 

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Muss man das Leben tanzen?
Erfahrungen mit dem Tango

 


„Man muß das Leben tanzen!“, lautet einer jener großspurigen Sprüche Friedrich Nietzsches, die Nichttänzer nur als Ausgrenzung werten können. Nicht jeder kann tanzen. Nicht jeder will tanzen. Nicht jeder, der tanzen kann und will, findet einen Tanzpartner. Doch die Frage, wie das Leben gelingen möge, bewegt viele Menschen. Der finnische Musiker Mauri Antero Numminen (*1940) hat auf die Sinnfrage eine klare Antwort gefunden: „Auf die vielgestellte Frage nach dem Sinn des Lebens ist meine Antwort: Tango.“

Das Leben tanzen: Der Autor des „Zarathustra“ tanzte auf vielen Hochzeiten. Wenn anderen Männern die Puste ausging, legte er trotz Migräne noch weitere Schrittchen aufs Parkett. Nietzsche tanzte jenseits von politischer Korrektheit und genderkonformer Rhetorik: „So will ich Mann und Weib: kriegstüchtig den Einen, gebärtüchtig das Andere, beide aber tanztüchtig mit Kopf und Beinen. Und verloren sei uns der Tag, wo nicht Ein Mal getanzt wurde! Und falsch heiße uns jede Wahrheit, bei der es nicht ein Gelächter gab!“

Doch wer liest heute noch Nietzsche? Und schlimmer: Wer kann mit Kopf und Beinen tanzen? Ich wette, Deutschlands Meisterphilosophen Richard David Precht, Rüdiger Safranski oder Peter Sloterdijk könnten keine Minute auf der Tanzfläche der Tangosalons bestehen. Das Wesen des Tanzes ist Unmittelbarkeit. Hier offenbart sich in der ersten Berührung, wo ein Mensch steht und was er kann. Der Tänzer braucht Führungskompetenz. Führende und Folgende können sich nicht hinter Kompetenzclustern und Bildschirmen verstecken. Der Tanz lügt nicht. Er ist Begegnung und Berührung. Ein Kongress, auf dem nicht mehr getanzt wird, ist ein Indikator für den Zustand unserer Gesellschaft. „Alle Zeiten geistigen und sozialen Umbruchs sind zugleich Zeiten der Führungskrisen gewesen“, schreibt Theodor Geiger (1841-1952) in seiner Studie „Führen und Folgen“ (1928). Ein Klassiker der Soziologie und des Tanzes!

Goethe konnte tanzen. Er konnte eben alles. Seinen Werther lässt er mit Lotte bis zur Entgrenzung Walzer tanzen. „Ich war kein Mensch mehr“, beschreibt Werther diese Erfahrung der unio mystica. Sie kann süchtig machen und sehr eifersüchtig. Rainer Maria Rilke schrieb atemberaubend schöne Verse über eine Flamenco-Tänzerin. Aber er tanzte nur mit Worten. Auch Stefan George und Rolf Schilling wurden nicht von Terpsichore, der tanztüchtigen Muse, geküsst. Theodor W. Adorno spielte Klavier, komponierte das Singspiel „Der Schatz des Indianer Joe“ und philosophierte viel über Musik. Doch tanzen konnte er so wenig wie Martin Heidegger. Der trat Ursula Blumenberg auf einem Philosophenball der frühen Fünfziger Jahre ständig auf die nackten Zehen. Hans Blumenberg dagegen war ein großartiger Tänzer. So bezeugt eine seiner frühen Studentinnen aus dem Kieler Seminar des Philosophen.

Vielleicht offenbart sich der Charakter nirgendwo so unmittelbar wie beim Tanz. Sind deshalb schlechte Tänzer auch schlechte Liebhaber? Karl Kraus war ein leidenschaftlicher Nichttänzer. Immerhin besuchte er mit Sidonie Nádherny von Borutin die Wiener Bälle. Hier sah der Verbalerotiker und Voyeur des Lebens zum ersten Mal Tangotänzer und reagierte panisch. Vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte der argentinische Tango die Hauptstädte Europas erreicht und wurde von Paris über Rom und Wien bis nach Berlin, Helsinki, St. Petersburg und Moskau zum beliebtesten Tanz. In Deutschland, Finnland und Russland entstanden eigene Tangolieder in den Landesprachen. Nach Besuch des Touristenclub-Balls in den Sophiensälen notiert Karl Kraus in sein Tagebuch (21. Januar 1914): „Ich habe das Tanzen immer für eine der ärgsten Schweinereien gehalten. Für die feige Erlaubnis, sich öffentlich alles zu erlauben. Für das Zeremoniell der Geilheit. Der Tango bekennt das immerhin, er ist wenigstens der Totentanz eines untergehenden Geschlechtes.“ In der Hauptstadt der Psychoanalyse entwickelt Peter Altenberg eine Art Kompensationstheorie des Tanzes. „Der Tango ist der Ausgleich für alles, was der Mann der Frau schuldig geblieben ist! Ihre Verzweiflung heißt Tango! Irgendwo muß sie sich anständig austoben!“

Der argentinische Bühnentango bedient seit jeher dieses Klischee. Doch hat der wahre Tänzer anderes im Sinn als die Niederungen einer flüchtigen Affäre. Er sucht die höhere Begattung, von der Goethe im Westöstlichen Divan spricht. Nichts verlangt mehr Disziplin als das richtige Tanzen. „Das Leben tanzen“ heißt nicht, das Leben locker anzugehen und auf die leichte Schulter zu nehmen. Tanzen ist eine Lebenskunst. Sie verwandelt Leben, Lieben und Leiden in jene Leichtigkeit, mit der die Engel auf dem Odem Gottes schweben. Tanz ist Transformation und Transsubstantiation des Lebens in seine reine Gestalt.

Der Tänzer tanzt nicht sich selbst. „Der Tanz lässt uns die eigene Freiheit begreifen als ein mit anderen geteiltes, durch ein Gemeinwesen bedingtes Verhältnis“, schreibt Roger Scruton in seinem Aufsatz „Richtig tanzen“. Sir Roger war nicht nur ein Meisterdenker, sondern auch ein Meister des Tanzes. Das vergessen seine deutschen Jünger. Es genügt eben nicht, sein faltiges Konterfei auf Jutebeutel zu drucken. Man sollte auch die Tangoschuhe hineinstecken und das Leben tanzen!

Der Tango gehört für den britischen Häretiker zu den „richtigen Tänzen“, weil er aus der Paarbeziehung lebt. Tango bedeutet „Berührung“. Der Tango wird in geschlossener Umarmung getanzt. Dabei berühren sich die Häupter der Tanzenden. Die Führung kommt aus der innigen Umarmung und der Berührung von zwei Körpern.

Doch was bleibt vom Glück der Begegnung, wenn Tanzen im totalen Lock-down strengstens verboten ist? Ralf Eichberg, Leiter des Nietzsche Dokumentationszentrum Naumburg und erfahrender Tangotänzer, hat an dieser Stelle auch keinen Rat. „I miss tango“ postet er auf seiner Facebook-Seite. Als Weltkulturerbe steht der Tango für eine Kultur der Unmittelbarkeit der Begegnung zwischen zwei Menschen, für jene kostbaren Minuten, die nur dem Paar gehören. Der Tango lebt aus der Improvisation. Kein Tanz gleicht dem anderen. Kein Paar tanzt wie ein zweites. Und doch folgt er einer geheimen Ordnung, die auf den Milonga genannten Tanzveranstaltungen sichtbar wird. Tangotanzen kann man überall, auch in jeder etwas größeren Küche. Aber das Leben will vor aller Augen getanzt und gefeiert werden. Der Tangotänzer braucht die Gemeinde. Homepraying ersetzt keinen Gottesdienst, homedancing keine Milonga.

Friedrich Nietzsche, so behauptet Ralf Eichberg, war nicht nur ein leidenschaftlicher Tänzer. Er tanzte sogar Tango. Ich bin da weniger euphorisch. Die Ursprünge des Tango liegen im Dunkel. Mitte des 19. Jahrhunderts taucht er in Buneos Aires und Montevideo auf. Er wird in den Randzonen dieser Städte von europäischen Migranten aus Italien und Spanien getanzt und nimmt unterschiedliche Strömungen aus den indigenen Kulturen auf. In Europa angekommen, wandelt sich das Profil des Tanzes. Er wird in Wien, Rom, Paris und Berlin als Tanz der kulturellen Eliten neu erfunden. Da war Nietzsche (1844-1900) bereits gestorben. Eines aber ist gewiss: Er hätte sich das Tanzen weder von Pest noch Cholera verbieten lassen. Denn der Tango feiert das Leben gerade im Angesicht der Vergänglichkeit und des Todes. Tango ist auch Totentanz, weil er von der Gebrochenheit, der Ausweglosigkeit und den Paradoxien des Lebens weiß. Seine Sprache ist das Oxymoron. Paul Celans „Todesfuge“ deutet dieses Mysterium an. Nicht ohne Grund hieß das Gedicht in seiner rumänischen Fassung „Todestango“ („Tangoul mortii“).

Vielleicht liegt sogar der Ursprung des Tanzes im Totenkult. In Argentinien wurde Tango auch am offenen Sarg getanzt. Wie der Flamenco, so tanzt der Tango das vergängliche Leben in seiner unvergänglichen Schönheit. Leonard Cohen hat sich von dieser Tradition zu zahlreichen Tanzliedern inspirieren lassen. Sein spätes „Thanks for the dance“, „Dance me to the end of love“ oder das von Garcia Lorca angeregte Lied „Take this waltz“ lassen sich wunderbar mit Tangoschritten tanzen.


Uruguays großer Tangodichter Horacio Ferrer (1933-2014) zeigt in seiner „Liebeserklärung an den Tango“ („Credo de Amor en Tango“), wie am Rio de la Plata das Leben getanzt wird. Der argentinische Tango gehört zum Weltkulturerbe. Die europäischen Auswanderer, die ihn am Rio de la Plata tanzten, waren gläubige Katholiken. Auch Papst Franziskus hat als junger Priester in Buenos Aires Tango getanzt und später als Erzbischof Tangomessen gefeiert. Tango ist katholischer Tanz. „Katholisch“ meint hier nicht die konfessionelle Bindung, sondern den universalen Anspruch. Das griechische Wort „katholisch“ bedeutet „allumfassend“. Wer in den Ablauf einer katholischen Messe eingeübt ist, fühlt sich auch ohne Sprachkenntnisse überall auf der Welt in den Gotteshäusern heimisch. Einerseits folgt der Tango festen Bewegungsmustern, andererseits ist er von einer enormen kulturellen Anpassungsfähigkeit an lokale Traditionen. Nur so kann er sich immer wieder neu erfinden. Der Tango ist noch katholischer als der Katholizismus. Denn er wird unter Einhaltung des Ritus auch von Muslimen, Juden, Buddhisten und Pantheisten und Animisten getanzt. Tangotänzer haben ihre Tanzschuhe immer im Gepäck. Überall auf der Welt zwischen Peking und Puerto Rico, dem Bottnischen Meerbusen und Kopenhagen wird er eine Gemeinde finden, die ihn willkommen heißt. Die standardisierten Tänze vertragen den Wechsel der Partner nur schlecht. Der Tango lebt dagegen nicht aus einem einstudierten Repertoire an Figuren, sondern aus der freien Improvisation und Variation vertrauter Bewegungsmuster.

Buenos Aires ist der Muttergottes geweiht. Der vollständige Name der Stadt lautet: „Santa Maria del Buen Ayre" - „Heilige Maria der guten Luft“. Astor Piazolla hat seine Tangooper, „María de Buenos Aires“ (1968), dieser Stadt geweiht. Das Libretto schrieb Horatio Ferrer. Die goldenen Jahre des argentinischen Tango mit ihren großen Tanzorchestern waren Ende der sechziger Jahre vergessen. Tango galt als Seniorentanz. Die Jugend bewegte sich wie überall auf der Welt zu neuen Rhythmen. Statt mit einem Tango von Francisco Canaro, Alfredo de Angelis, Aníbal Troilo oder Juan D’ Arienzo eine Dame zu führen, schwofte man zur Musik der Beatles und Stones oder spielte in solipsistischer Bewegung auf der Tanzfläche einer Discothek Luftgitarre wie Joe Cocker. Dann kamen die Jahre der Militärdiktatur. Der Tango ging in den Untergrund. Hier lernt ihn Robert Duvall in der Rolle eines alternden Auftragskillers kennen. In dem Film „Assassination Tango“ (2002) von Francis Ford Coppola fliegt er nach Buenos Aires, um einen Diktator zu erschießen. Dann entdeckt er den Tango und begegnet in einer Spelunke der Tangolegende María Nieves. Ein letztes Mal führt er seinen Auftrag aus. In Zukunft will er nur noch das Leben mit seiner jungen Frau und ihrer Tochter tanzen.

Zu Beginn der Achtziger Jahre war der Tango in Deutschland vergessen. Damals flog der holländische Architekt Richard Klapwijk nach Buenos Aires, verliebte sich in den Tango und nahm Unterricht bei den letzten alten Tänzern. Ihre Namen gehören heute zur Geschichte des Tango: Antonio Todaro, Pepito Avellaneda, Eduardo Arquimbau. Sie hatten den Tanz auf der Straße gelernt, bevor sie sich in die Salons wagten, um Mädchen zu führen. Todaro war Maurer, Avellaneda war Pizzabäcker. Ihr Schüler legte sich bald einen Künstlernamen zu und nannte sich Ricardo el holandés. Bald tanzte Ricardo auf vielen Bühnen der Welt. Sein Bild schmückte Briefmarken in Argentinien und Japan. Die Zeit war reif für eine weltweite Wiederentdeckung des Tango. Sie hält bis heute ungebrochen an.

Auch im finnischen Seinäjoki tanzt das Leben Tango. Hier findet seit 1985 das größte Tangofestival der Welt statt. Jedes Jahr lockt die kleine Stadt im Westen Finnlands über 100000 Besucher zum Tangomarkkinat Festival (7. - 11. Juli 2021). Tango ist die Seele Finnlands. Überall in den Wäldern des Landes, an einem der zahllosen Seen und an kleinen Flüssen, zwischen Birken und Kiefern, stehen jene aus Holz gefertigten Pavillons, in denen das Leben getanzt wird. Ein Elch ist niemals fern. Wie gefährlich die Anwesenheit dieses Königs der Wälder sein kann, zeigt das tragische Ende des jungen Tangokönigs (1994) von Seinäjoki. Sauli Lehtonens Wagen hatte bei der nächtlichen Rückkehr von einem Tangokonzert eine Kollision mit einem Elchbullen. Saulis Vater, der Fahrer des Wagens, überlebte. Sein Sohn starb im Alter von zwanzig Jahren. Tango ist eine getanzte Tragödie. In der Zeit des großen stalinistischen Terrors wurde der Tango „Die erschöpfte Sonne“ („Utomlënnoe Solntce“) von Jerzy Petersburski in der Einspielung von Alexander Cfasmann zur Chiffre eines Lebensgefühls. Der russische Tangokönig war Pjotr Leschenko (Pëtr Leščenko). Er starb in einem Lager der rumänischen Securitate.

Anders als der Tango vom Rio de la Plata ist der finnische Tango nie zu einem Wirtschaftsfaktor geworden. Viele junge Argentinier suchen als „Tangolehrer“ ihr Glück in Europa. In Finnland ist der Tango ein Ausdruck nationaler Empfindung. Das wusste Frank Zappa, als er mit seiner Band am 6. Juni 2009 in Helsinki den typischen Marschrhythmus von „Satumaa“ („Märchenland“) anspielte. Dieser Tango gilt als zweite finnische Nationalhymne. „Satumaa“ ist ein Sehnsuchtsort. Er liegt in weiter Ferne und ist doch ganz nah. „Satumaa“ ist eine Hymne auf das tragische Lebensgefühl. Ihr berühmtester Interpret ist der ehemalige finnische Waldarbeiter Reijo Taipale (1940-2019). In dem Film „Mittsommernachts-Tango“ (2013) von Aki Kaurismäki und Vivianne Blumenschein hat er seinen letzten Auftritt vor Gästen aus Buneos Aires. Ein wenig auf Krawall gebürstet schickt Finnlands berühmter Regisseur drei argentinische Musiker ins Land der Mittsommernachtssonne. Hier lernen sie mit den Zuschauern die finnische Tangokultur kennen und sind am Ende des Filmes ein wenig in ihrem argentinischen Selbstbewusstsein verunsichert: Sollten die Wurzeln des Tango vielleicht doch in den finnischen Wäldern liegen?

Auch Deutschland hat eigene Tangos. Sie werden heute von Max Raabe vor Nichttänzern, eingepfercht in enge Bestuhlung, gesungen. Die Texte wirken witzig, amüsant und irgendwie anachronistisch. Ganz anders der finnische Tango. Als der Tango 1910 nach Finnland kam, war das Land Teil des zaristischen Russlands. Nach dem Ersten Weltkrieg erlangte es die Unabhängigkeit und verteidigte sie in den Wäldern Kareliens im Winterkrieg (1939/40). An dieser Front kämpfte auch Finnlands größter Tangosänger Olavi Virta (1915-1972). Über 600 Titel hat er aufgenommen. In diesen Liedern spiegelt sich die Erfahrung jener Jahre, aber auch der melancholische Grundzug der finnischen Seele. Unter dem Titel „Olavi Virta“ (2018) hat Timo Koivusalo das Leben verfilmt. Olavi Virta wurde wegen Trunksucht 1962 in ein Arbeitslager eingewiesen. Bei einem Freigang nahm er den Tango „Wenn der Abend kommt“ („Kun ilta ehti“) auf, ein Klassiker. Olavi Virta tanzte weiter das Leben, aber nicht mehr auf den Bühnen Finnlands. Eine zeitlang lebte er unter Zigeunern. Dann fand er Asyl an der Seite einer zwanzig Jahre älteren Frau, die ihn in ihr Haus in Tampere aufnahm. Unto Mononen erschoss sich volltrunken. Rauli Badding Somerjoki (1947-1987) verkraftete nicht seinen Erfolg, erlag dem Suff und starb an den Folgen eines Herzinfarktes.

Der Tango tanzt das Leben in allen den Grenzerfahrungen. Er preist seine Schönheit und unbegreifliche Herrlichkeit wie jener „Hymnus an das Leben“, den Lou Andreas-Salomé schrieb und den Friedrich Nietzsche vertonte:

 

„Gewiss - so liebt ein Freund den Freund,
wie ich dich liebe, rätselvolles Leben!
Ob ich in dir gejauchzt, geweint,
ob du mir Leid, ob du mir Lust gegeben,
ich liebe dich mit deinem Glück und Harme,
und wenn du mich vernichten musst,
entreiße ich mich schmerzvoll deinem Arme,
gleich wie der Freund der Freundesbrunst.“

 

So geht Tango! An seinem gebrochenen Halleluja scheiden sich die Geister. Der Tanz des Lebens transportiert eine Erfahrung, aber auch eine Gestimmtheit, die niemand teilen muss. Der Tango ist ein Kind der Melancholie. Melancholie ist die Reaktion auf die Erfahrung höchsten Glücks, auf „Satumaa“, die Erfahrung des Einsseins, in dem kein Mensch auf Dauer bleiben kann. Platens Gedicht „Tristan“ bezeugt es. Der Melancholiker hat die Mitte des Lebens erfahren. Melancholie ist eine große kulturelle und religiöse Energie. Die Tangolieder sind verwandelte Schwermut. Wie die Psalmen umfassen sie das ganze Leben: Sie sind Lob, Klage, Trauer, Aufschrei, Empörung, Bitte und Gebet. In den Tangoliedern geht es vordergründig um Liebe und Liebesverrat. Dahinter aber leuchtet das Drama der Seele auf. Der Tango tanzt das Leben. Dabei verwandelt er es in Herrlichkeit und Schönheit.

Dennoch wollen wir Nietzsche widersprechen: Man muss das Leben nicht tanzen, so wie man keine Gedichte oder Romane schreiben muss, keine Bilder malen und Filme drehen. Der Tango lädt nicht nur zur Teilhabe, sondern auch zum Zuschauen ein. Das wussten die großen alten Tänzer und nahmen am Rand der Tanzfläche Platz, wenn ein weither Gereister gekommen war, um einen neuen Schritt zu zeigen. Wahre Meister erkennt man an ihrer Demut und Dankbarkeit.

Der schönste aller Tangofilme mit dem Titel „Man muss mich nicht lieben“ (2005) erzählt die Geschichte eines Gerichtsvollziehers. Seiner Tätigkeit müde, sieht er eines Tages aus dem Fenster seines Büros im gegenüberliegenden Gebäude Tango tanzende Paare. Da wird er von dem Duende ergriffen und beginnt das Leben zu tanzen. Der Tangohistoriker Tio Tarlo sagt: „Ein Tangopaar kann für einen Zuschauer von einer überwältigenden Schönheit sein.“ Wer diese Schönheit mit den eigenen Augen angeschaut hat, hat auch den Sinn des Lebens erfahren.