Ein Gespräch über Agnes Miegel:

 

 https://www.anbruch-magazin.de/wo-sich-die-mitte-verdunkelt-uwe-wolff-ueber-agnes-miegel/

 

 

 

"Die wilde Sehnsucht meiner achtzehn Jahre"

Agnes Miegel. Das war ein Frühling

 

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Eine sehr frühe Würdigung der "Gedichte" (1901) findet sich in den

Sozialistischen Monatsheften Juni/1904. S. 448-453.

Arthur Schulz schreibt über die  22jährige Dichterin:

 

"Eine höhere Cultur der Sprache und des Verses ist in Deutschland wohl nur noch bei Stefan George und Hugo von Hofmannsthal zu finden." Miegels Gedichte seien "nach Inhalt und Form unschätzbare Documente eines weiblichen und höchstpersönlichen Liebesgefühls (...) wie hinübergerettete Klänge aus den eleusinischen Mysterien." "Das Leitmotiv all dieser Balladen ist eine gegen die Gitter und Schranken des grauen Daseins stürmisch andrängende Sehnsucht nach Schönheit, Grösse und Lebensfreude. Über ihren Verse liegt eine im Sinne Nietzsches dionysische Grundstimmung, wie trunkenes Sonnenlicht, gebreitet."

 

http://library.fes.de/cgi-bin/somo_mktiff.pl?year=1904&pdfs=1904_0448x1904_0449x1904_0450x1904_0451x1904_0452x1904_0453&verz=1904/1904_06
 
 
 
 
 
Eingang zur Gedenkstätte Oksbøl. Hier entsteht 
Flugt - Refugee Museum of Denmark,
entworfen von der Bjarke Ingels Group
 
 
 
 
 
 
Søndervig ist einer jener Ferienorte an der Westküste, wo es überlebendig zugeht. Wer gerne in Viererreihen eng an eng flaniert und deutsches Bier im Urlaub nicht vermissen möchte, wird sich hier pudelwohl fühlen. Es ist Donnerstagnachmittag. Undine und ich besuchen das berühmte Kroning-Antiquariat (https://www.kroning-antikvariat.dk.) von Søndervig. Es bietet Platz für 150000 Bücher, darunter 75000 in deutscher Sprache.
 
Voller Bewunderung verneige ich mich vor der Leselust der Dänen! Alphabetisch geordnet finde ich hier ein Museum der entschwundenen Bücher: darunter einen Meter Edzard Schaper und sechzig Zentimeter Agnes Miegel! Die Besitzerin des Bücherhauses klärt mich auf. Wieder einmal war ich zu euphorisch in meiner Liebe zu diesem Land und zu rasch im Urteil: Die meisten Dänen der Westküste sprechen Deutsch, zum Teil sogar ein vorzügliches Deutsch wie Dorthe Fjord Tarbensen von Vestkystens Gårdbutik in Houvig. Viele aus der Generation der Väter und Großväter lasen deutsche Bücher, aber nicht jene 75000, die unter dem Flachdach von Kroning-Antiquariat stehen.
 
Alle deutschsprachigen Bestände kommen aus Hamburg. Bücher, die sich auf den Basaren der Kirchen, beim Roten Kreuz, bei Rotary und Lions trotz einem Kilopreis von 50 Cent nicht mehr verkaufen ließen, sollten zu Altpapier geschreddert werden. Ein Bücherfreund hole sie zwei Mal im Jahr mit einem Transporter ins dänische Asyl. "Das Antiquariat als Flüchtlingslager?" "Nein", lacht die belesene Dänin, "ein Durchgangslager zu neuen LeserInnen." 
 
"Herrlich!", denken viele deutsche Urlauber. Sie sind nicht nur am Strand auf Schatzsuche. Wir sind dabei! Neben Büchern von Kaj Munk entdecken wir ein „Liederbuch für die deutschen Flüchtlinge in Dänemark“.
 
 
 
 Schautafel auf dem Friedhof
 
 
 
Deutsche Flüchtlinge in Dänemark kenne ich: Brecht, Hans Henny Jahnn, Theodor Geiger. Aber das Liederbuch wurde von der Bildungsarbeit der Dänischen Flüchtlingsverwaltung nicht für sie herausgegeben. Hier geht es um Vertriebene aus dem Osten: Memelland, Ost- und Westpreußen, Danzig, Pommern. Wagen an Wagen zogen sie über Land. Eine Viertel Millionen wurde über die Ostsee evakuiert. Das sei die größte Rettungsaktion in der Menschheitsgeschichte gewesen, sagt die Antiquarin. Dann spricht sie vom Lager Oksbøl, wo die Überlebenden untergebracht worden waren. Für sie wurde das Liederbuch zusammengestellt. Ich blättere in dem grauen Heftchen und stoße auf ein Abendlied. Es ist mir seit früher Kindheit vertraut:


„Guten Abend, gut’ Nacht,
mit Rosen bedacht,
mit Näglein besteckt,
schlupf unter die Deck’:
Morgen früh, wenn Gott will,
wirst du wieder geweckt.“

 
Wenn Gott will - Inschallah. Die Antiquarin schenkt mir das Büchlein. Wenn ich wieder zu Hause bin, sagt sie, solle ich die Lieder studieren und dann ein neues „Liederbuch für die Flüchtlinge in Deutschland“ herausgeben. Sie nennt es „Überlebensbuch“. Darin dürfen die Gedichte einer grossen deutschen Dichterin nicht fehlen, die im Lager Oksbøl gelebt und geschrieben habe. Die Bücherfreundin zieht aus dem Regal ein  kleines Bändchen mit fünfzehn Gedichten von Agnes Miegel. Es trägt den Titel "Du aber bleibst in mir. Flüchtlingsgedichte" und ist 1949 im Verlag der Bücherstube Fritz Seifert/Hameln erschienen.
 
 
 
 
 
 
Viele Gedichte und Balladen der Königsberger Dichterin Agnes Miegel (1879-1964) sind mir seit früher Kindheit vertraut, denn meine Mutter, Tochter  von Gertrud und Hermann  Moeck, wurde ebenfalls in der Stadt am Pregel geboren. Ihre Mutter war eine geborene Sakuth und stammte aus Schwarzort, weshalb meine Mutter die Sommer ihrer Kindheit auf der Kurischen Nehrung verbrachte. Agnes Miegel hat diese mystische Dünenlandschaft mit Heideflächen und Kiefernwäldern gesehen und besungen. In der Westküste Dänemarks fand sie ein verwandtes Landschaftsbild wieder, und auch uns erinnert die Nehrung von Bjerghuse an das Großmutterland Schwarzort. 
 
 
 
 
 In der Mitte: Gertrud Moeck, geb. Sakuth, mit ihren Kindern Johannes und Ingrid,
meiner Mutter, vor dem Haus der Urgroßmutter in Schwarzort
 
 
"O Erde sanft wie einer Greisin Hand!", dichtet Agnes Miegel ("O Erde Dänemarks") in Erinnerung an ein frühes Gedicht über die Kurische Nehrung ("Cranz"): "Und alles ward vertraut und wohlbekannt." 
 
 
 
Kurenwimpel aus Schwarzort
 
 
Bevor Undine und ich nach Oksbøl fahren, mache ich mich kundig. Die deutsche Wehrmacht hatte Gebäude zur Unterbringung der Vertriebenen beschlagnahmt. Dazu gehörten allein 64 Schulen in Kopenhagen. Im Mai 1945 gab es 1101 Flüchtlingsunterkünfte.  Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verweigerten ihnen die Allierten die Rückkehr nach Deutschland. Dänemark musste nun die ungebetenen Gäste versorgen. Anfang November 1946 kehrten die ersten Vertriebenen nach Deutschland zurück. Die letzten folgten ihnen im Februar 1949.
 
In Oksbøl/Westjütland und Kløvermark auf der Insel Amager wurden nun die größten Lager errichtet. Dänische Kinder konnten wieder in ihre Schulen gehen. In Oksbøl lebten über 35000 Vertriebene, in Kløvermark 19000 in 950 Baracken schwedischer Herkunft. Johannes Kjærbøl (1885-1973) leitete die Flüchtlingsverwaltung. Die deutschsprachige "Zeitung für deutsche Flüchtlinge in Dänemark" wurde von Jef Jefsen (1905-1975) verantwortet. Jefsen war in den Jahren 1956-59 Deutschlehrer der Prinzessin Margarethe.
 
Die Vertriebenen leben von Soldaten bewacht hinter Stacheldraht. Ein Warnschild verbot ausdrücklich den Kontakt zwischen Dänen und Deutschen:
 
 
"Warnung! Jeder Kontakt mit deutschen Flüchtlingen ist verboten.
Advarsel! Ethvert Samkvem med tyske Flygtninge er forbudt."
 
 
Um jeden persönlichen Kontakt zu erschweren, war es den Vertriebenen auch verboten, die dänische Sprache zu lernen. Zu den Mitarbeitern der "Zeitung für deutsche Flüchtlinge in Dänemark" gehörte auch der Jurist und Volkswirt Fritz Bauer (1903-1968), dem später die Ergreifung Adolf Eichmanns zu verdanken war. 1936 floh er nach Dänemark, 1943 weiter nach Stockholm und kehrte nach dem Krieg in das Land seines ersten Exils zurück. Die "Zeitung für deutsche Flüchtlinge in Dänemark" erschien als Wochenzeitung in 20000 Exemplaren. In der Ausgabe Nr. 36/1946 erschien Agnes Miegels (1879-1964) Gedicht "O Erde Dänemarks". 
 
 
 
Totengedenken in Oxbøl: "Her hviler 1675 flygtninge..."
 
 
Auf dem Gelände des ehemaligen Lagers Oksbøl sind wir die einzigen Besucher, aber wir sind nicht allein. Eine grosse Stille liegt über dem Gräberfeld. In ihr sind die Toten gegenwärtig und die Ahnen aus alter Zeit. 
 
Kleine Kreuze aus Beton verzeichnen auf beiden Seiten Namen der Verstorbenen. Undine und ich schweigen. Jeder schreitet auf seine Weise durch die langen Reihen. Zuweilen halte ich inne und lese einen Namen. Kinder, noch im Krieg gezeugt, mit der Mutter über das Meer geflohen, liegen nun in der Erde Dänemarks. Zu ihnen gehören zwei Geschwister des Künstlers Bazon Brock (*1936 in Stolpe).

 
 
 
"Gott, der Herr, rief sie mit Namen,
dass sie all' in's Leben kamen..."
 
Liederbuch für die Deutschen Flüchtlinge in Dänemark Nr. 10
 


„Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt“, haben vielleicht ihre Mütter gesungen. Wenn Gott will. Gott wollte nicht. Warum wollte Gott nicht? Wenige Kilometer östlich von Oksbøl liegen die beliebten Ferienorte der Westküste: Blåvand, Henne Strand, die Inseln Fanø und Rømø. Ich stelle mir vor, Sigrid Wolff würde heute mit ihren Enkelkindern an einem der Strände Muscheln sammeln, ihnen Geschichten von kleinen Meerjungfrauen erzählen und die Möwen füttern. Das Meer des Lebens ist voller Rätsel.
 
 
 
Die damnatio memoriae gehörte einst zu den schrecklichsten Strafen.
Diese auf dem Friedhof in Oksbøl ausliegenden Namensbücher wehren dem Vergessen.
 
 
 
 
Ich lege Muscheln auf die kleinen Grabkreuze. Undine liest aus dem Gedichtbändchen der Agnes Miegel  „O Erde Dänemarks“. Ein Requiem für die Kinder.


 

 
Im Lager gezeugt - im Lager gestorben: Thymian
Die Flucht überlebt - im Lager gestorben: Bernhard
 
 
Wie Agnes Miegel floh auch meine Tante Ulla Schulze-Resas mit ihrer Schwester Rosemarie über die Ostsee. Agnes Miegel erreichte auf dem Schiff "Jupiter" am 14. März Kopenhagen. Ulla und Rosemarie Resas fuhren auf der "Wilhelm Gustloff" und überlebten den Untergang (30.01.1945) im eisigen Wasser. Ulla Schulze-Resas hat von mehrfach Zeugnis abgelegt. (https://www.youtube.com/watch?v=X37gC5NU6lw)
 
 
Agnes Miegel und ihre Lebensgefährtin Elise Schmidt (1896-1972) wurden zuerst im Lager Grindsted/Jütland interniert und kamen am 31. Mai 1945 nach Oksbøl, wo sie bis zu ihrer Entlassung im November 1946 blieben. Miegel schrieb Totengesänge auf einzelne Kinder ("Klein Anna-Kathrein"), formulierte Erinnerungsbilder an dänische Kinder ("Das fremde Kind") und spiegelt das Schicksal der Vertriebenen und den Heimatverlust im Spiel  ("Sand") oder erzählt von den Flüchtlingstrecks ("Wagen an Wagen"). Zu den Erzählungen, die in Oxbøl entstanden, gehören ein Undinenmärchen ("Die Quelle"), "Die fünf Schwanenjungfern" und das Märchen vom Maikäfer "Krabbel".
 
Krabbel ist ein Flüchtlingskind, geflohen über das Baltische Meer, im Nebel Kopenhagens nach Dänemark gekommen. Nun sucht der Käfer seine Mutter. Er wird sie finden, auch mit der Hilfe einer Undine. Die Nixe ist natürlich "eine geborene Andersen" und nennt sich "Haffrue" (statt "Havfrue") in schöner Anspielung an das Haff der Kurischen Nehrung.
 
 
Agnes Miegels Beschreibung von Flucht, Vertreibung, Tod, Verlust und Rettung, von Hoffnung und Verzweiflung haben heute einen neuen Subtext und lesen sich überraschend aktuell wie ein Kommentar zu den großen Fluchtbewegung aus Afrika, dem Nahen Osten und aus Afghanistan. In diesem Sinne sind Miegels Flüchtlingsgedichte von trauriger Aktualität.
 
 
Die große Balladendichterin ist oft als reine "Heimatdichterin" missverstanden worden. Agnes Miegel aber wusste bei aller Liebe zu Ostpreußen, dass kein Mensch hienieden eine bleibende Stätte hat. Die Welt ist eine große Wanderdüne. Am Ende würde sie alles Leben zudecken. Agnes Miegel war von Anfang an die Dichterin der Heimatlosen.
 
Noch immer steht ihre Ballade "Die Frauen von Nidden" in deutschen Lesebüchern. Sie nimmt Motive der Kurischen Nehrung auf. Die großen Wanderdünen, die unter ihrem Sand alles Lebens begraben. Eine Seuche, die mit den Elchen über das Haff auf die Nehrung kommt und viele Tote fordert. Am Ende bleiben sieben Frauen von Nidden übrig. Sie fliehen nicht, sondern stellen sich vor die Düne und rufen sie an, auch ihrem Leben ein Ende zu bereiten.
 
Schicksalsergebenheit wurde einst diese Haltung der Fischerfrauen genannt. Die Ballade erzählt von einer apokalyptischen Erfahrung. Aber die Frauen von Nidden bewahren Haltung im Untergang. Kein Schrecken erfasst sie. Keine Panik. Die Ballade erzählt das Ungeheure und Unabwendbare in großer Gelassenheit und Ruhe des Herzens. Sie endet in einem berühmten Satz. Er übersteigt das Geschehen auf der Nehrung. Eine Vision des 20. Jahrhunderts:
 
 
"Und die Düne kam und deckte sie zu."
 
 
 
Auch Dänemark konnte nicht Heimat werden. Nur für einen Augenblick erscheint hinter dem Lagerzaun "ein blondgelocktes, rosiges dänisches Kind" und wird zu einem unverlierbaren Bild.
 
 
Flüchtling, heimatlos ist auch die Kreatur: Die Königsberger Chronistin gedenkt jener unzähligen Tiere, die Wagen an Wagen die Vertriebenen begleiteten, ihre Armut und Not teilten, Zeugen des ungeheuren Missbrauchs wurden. Hunde, Katzen, Kühe und Ochsen, alte Pferde und Fohlen - allen gilt die Erinnerung einer Dichterin, die mit ihrem Werk ein Menschheitsschicksal beklagt und darin die Kreatur einbezieht.
 
 
 
 
 
 
 
Charlotte (Lotte) Sakuth (links) mit ihrer Schwester Gertrud und der Nichte Edith,
Tochter von Else Resas, geb. Sakuth
 
 
 
Agnes Miegel gehörte zur großen reformierten Burgkirchengemeinde ihrer Heimatstadt. Sie machte eine Ausbildung als Kinderkrankenschwester, brach eine zweite Ausbildung als Lehrerin ab, reiste nach Paris und Rom und arbeitete von 1902-04 an einer englischen Internatsschule in Bristol. Dass sie in jungen Jahren ihre Heimat verließ, hatte vielleicht auch einen Grund in einer enttäuschten Liebe zu einem Adeligen. Agnes Miegel wurde die Dichterin der Frauenschicksale und ein Genie weiblicher Freundschaften. Diese feministische Dimension ihres Lebens und Werkes wird erst heute in voller Klarheit wahrgenommen.
 
Mit ihrer Freundin und Lebensgefährtin Elise Schmidt ("Tatta") floh sie aus Königsberg, das bereits in den Nächten vom 26./27. und 29./30. August 1944 durch britische Bomber in ein Flammenmeer getaucht worden war. "Das war (und ist) die Apokalypse", schrieb Agnes Miegel. Seit dem Monat Mai hatte es nicht mehr geregnet. Bis Ende Oktober sollte kein Tropfen Wasser vom Himmel fallen. 
 
Meine Mutter hat als Dreizehnjährige die Nächte des Schreckens erlebt:
 

„Alle Bewohner unseres Hauses befanden sich bereits im Keller. Eine Tasche stand immer gepackt in der Wohnung. Auch Decken lagen immer griffbereit. Im Keller standen Wassereimer. Dann schlägt im Nebenhaus eine Brandbombe ein. Wir spüren die Erschütterung. Mit der nassen Schutzdecke fliehen wir aus dem Keller. Ich verliere meine Eltern und meinen Bruder. Ich renne. Am Haus der Technik bleibe ich stehen. Wartete vergeblich auf die Eltern und den Bruder. Finde sie nicht unter den Hunderten von Menschen. Ich irrte herum: Suche sie in den nächsten Tagen in Schulen, großen Häusern und anderen Sammelplätzen. Draußen vor den Gebäuden war jeweils angeschrieben, wer in ihnen Zuflucht gefunden hatte. An der Mädchengewerbeschule entdecke ich die Namen der Mutter und des Bruders. Die Freude riesengroß. Aber Papa fehlt. Innenstadt brennt. 30000 Tote gibt es in dieser Nacht. Dann gehen wir um die Stadt herum zu Tante  Lina – und treffen hier die Verwandten und den Vater. Das war ein Schlüsselerlebnis: Alles war weg und doch ist alles da, was du zum Leben brauchst! Ich erlebte zum ersten Mal das ungeheure Erlebnis: Du hast alles verloren und bist überglücklich: Wir waren in diesem ganzen Chaos als Familie geborgen.“

 

Frauen und Kinder fliehen aus der Stadt. Im Dezember sinken die Temperaturen auf -15 Grad. Königsberg ist von sowjetischen Truppen umkreist. Ende Januar können letzte Trecks mit Müttern und Kindern Königsberg verlassen. Am 26. Januar 1945 beginnt die Beschießung der Stadt. Am 27. Februar wird die Bevölkerung evakuiert.

 

Auf die Flucht über das Baltische Meer nimmt Agnes Miegel drei Dinge mit: Das Neue Testament, das ihr einst der Vater für die Reise nach Bristol schenkte. Ein Bild der Sixtinischen Madonna von Raffael und ein Bildnis der Heiligen Agnes von Jusepe de Ribera. Die Heilige Agnes war eine virgo consecrata, die immer wieder den Missbrauchsversuchen der Männer ausgesetzt war und schließlich als Märtyrerin starb. Agnes Miegel hat ihren Namenstag (21. Januar) stets gefeiert.

 

Als sich im Spätsommer die Tore des Lagers öffnen, spricht Agnes Miegel gegenüber einer Freundin aus, was niemand schärfer sieht als sie: "Deutschland ist Fremde für mich, das heißt keine Heimat mehr." Erlebnisse auf der Flucht über die Ostsee beschreibt sie in den Erzählungen "Christoffer auf dem Flüchtlingsschiff" und "Im Morgenrot". Im weißen Morgennebel hatte die "Jupiter" Rügen und die Kreidefelsen der Stubbenkammer passiert:

 

"Und diese Küste leuchtete in unirdischem Glanz, angestrahlt von rötlich goldenem Morgenlicht auf ihren weißen Hängen,- schönste, letzte, ersehnteste Küste des Vaterlandes, heilig auch für meine Augen, Gruß und Abschied des deutschen Ostlandes, jäh wieder im Nebel versinkend - für immer."

 

Dann werden die Vertriebenen entlassen. Dankbar schaut Agnes Miegel auf die Zeit in Oksbøl zurück: "Oksbøl ist das weitaus beste und größte aller Lager, auch das klimatisch u.s.w. gesündeste, bietet Weiträumigkeit und dank der Flüchtlingsbetreuung auch viel Geistiges (Theater, Kino, gute Musik - alles, was ich sonst nie mehr haben werde) reichlich tägliches Brot und gutes warmes Essen und im Winter warme Stube und eigenes Bett - drüben wartet auf uns Beide: Hunger, Frieren, Not, Einsamkeit."

 

Über Kolding reisen Agnes Miegel und ihre Lebensgefährtin nach Lüstringen/Osnabrück und weiter in den Raum Bad Nenndorf. Sie wohnen eine Zeit auf Burg Apelern, lehnen das Angebot ins Kloster Wülfingshausen einzuziehen ab. Ihre letzte Bleibe finden sie in einer Mietwohnung in einem Nachkriegsbau. Zur Grundsteinlegung schreibt Agnes Miegel:

 

"Agnes Gustavstochter, die Letzte der Ihren,

Die ehrfürchtig das Lied der Heimat gesungen..."

 

Agnes Miegel war die letzte ihrer Art. Klarer als ihre Verehrer sah sie, dass sich ihr Auftrag erfüllt hatte und "dass für mich weder als Mensch noch Dichter mehr ein Platz ist, am allerwenigsten in Deutschland." Aber wahre Dichter haben ein langes Nachleben. Agnes Gustavstochter Miegel wurde zur Dichterin in einer Welt voller Flüchtlinge. Deshalb plant man in Dänemark ein neues Flüchtlingsmuseum zu errichten, in dem deutsche Vergangenheit und internationale Gegenwart Raum finden. Es geht nicht mehr um Erinnerungsarbeit an Königsberg, sondern um ein bleibendes Menschheitsschicksal, besonders der Frauen wie etwa die Geschichte der Jesiden, das "Volk eines Engels" (https://www.youtube.com/watch?v=CeStNetPTeg), zeigt.

 

Meine Mutter hatte als Vollwaise den Krieg überlebt. Und Königsberg? Feuer vom Himmel war gefallen aus britischen Brandbomben. Die Düne aus Schutt und  Asche deckte die Stadt zu.

 

 

 

Und die Düne deckte ihn zu: Mein Großvater Hermann Moeck (1894-1945)

 

 

Der Besuch im Flüchtlingslager Oxbøl inspirierte mich, wieder Agnes Miegel zu lesen. In den deutschen Antiquariaten fand ich viele ihrer Bücher angeboten, darunter die sechsbändige Ausgabe des Diederichs Verlages. Der Händler verlangte 85 Euro. Ich bot 52 Euro und erhielt die in taubenblaues mit goldenen Fäden durchwirkten Leinenbände. Das wäre keiner Erwähnung wert, wenn der Fahrer des Hermes-Paket-Dienstes, der mir das Päckchen freundlich lächelnd überreichte, nicht ein Flüchtling aus Afghanistan gewesen wäre. Das konnte kein Zufall sein, dachte ich. Wir kamen in ein Gespräch über den Khyber Pass und Jalalabad. Dann verabschiedeten wir uns. "Khoda Hafez!", sagte ich. Er antwortete: "Auf Wiedersehen!" Agnes Miegel gehört zu den Frauen, die eine Tiefenschicht berühren. Auch deshalb ist sie der westfälischen Sibylle Annette von Droste-Hülshoff zur Seite gestellt worden.

 

 

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„Agnes Miegel steht als Dichterin des zwanzigsten Jahrhunderts auf eigenem Grund. (…) Ihr Werk ist dichterisches Zeugnis einer antipodenhaften Wirklichkeit, die heute nur noch im Spektrum des Geistes faßbar ist, denn Ostpreußen und seine Landschaft, Haff und Seen, das Gutshaus und seine Linde, Düne und Meer haben die lebendige Beziehung mit den früheren stillen Bewohnern des Landes verloren. Sie sind zum dichterischen Bezug geworden im Lande ‚Nimmermehr‘ und im Reiche ‚Nirgendwo‘. Auf merkwürdige tragische Weise folgte und entsprach der Untergang der ostpreußischen Seinswelt dem vornehmlich schicksalsträchtigen Grundton dieses Werkes, das immer wieder an die Vergänglickeit alles Lebens erinnert.

Es hat in dem langen Leben Agnes Miegels nicht an Versuchen gefehlt, sie wegen ihrer tiefen Verbundenheit mit Ostpreußen als enge Heimat- oder gar Blut- und Bodendichterin in jenem Berühmt-berüchtigten Sinne abzutun und damit in der Literaturwissenschaft den Stab über sie zu brechen.“

Heinz-Georg Kyritz. Das Unbewußte im Dichtungserlebnis Agnes Miegels. In: The German Quarterley. Vol. 44, No. 1 (Jan., 1971), pp 58-68. p. 58.

 

 

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Literatur zur Kurischen Nehrung und Dänemark

 

Richard Pietsch (1915 in Nidden geboren - 2007. Er war verheiratet mit Edith Amtsberg, der Tochter von Ulla Schulze-Resas) Fischerleben auf der Kurischen Nehrung. Dargestellt in kurischer und deutscher Sprache. Berlin 1982.

 

Martin Kakies (Nachbar unserer Urgroßmutter in Schwarzort. Der Elchphotograph der Nehrung). Elche am Meer. Leer 1954.

 

Willy Dähnhardt/Birgit S. Nielsen. Geflüchtet unter das dänische Strohdach. Schriftsteller und bildende Künstler im dänischen Exil nach 1933. Boyens & Co Verlag 1988.  Kapitel: Deutsche Flüchtlinge in Dänemark 1945-1949. S. 216-234.

 

Jef Jefsen. Deutsche Nachrichten/ Zeitung für deutsche Flüchtlinge. In: Willy Dähnhardt/Birgit S. Nielsen. Exil in Dänemark. Verlag Boyens & Co. 1993. S. 659-701.

 

 

 

Edda Grossmann malt Ingrid Wolff